Juan Fernando de Laiglesia: arte: (ART-icular)

Originaltext in Kastilisch: pdf (1,71 MB)

Der Begriff „Kunst“ sollte wenigsten folgende Ausdrücke beinhalten: Absurdität, Extravaganz, Handel, Fest, Glamour, Komik, Kraft, Freiheit, Mechanik, Objekt, Produktion, Publikum, Realität, Repräsentation, Schöpfung, Symbol, Ungehorsam, Verdacht, Vision, Werkzeug und Utopie. Sie können wie verschiedene Farben auf einer Palette benutzt werden, um zu sehen, welche Bilder aus ihnen entstehen können.

1. Die Kunst ist ein unerwarteter Ausdruck zwischen verschiedenen Schichten der Realität, der sich fast immer in der Produktion von bedeutsamen, ungenügenden oder auch seltsamen Objekten manifestiert.

2. Gleichzeitig ist Kunst aber auch ein symbolischer Vorgang, wie die Sprache oder die Intersubjektivität. Der Künstler ist so sehr darin involviert, dass es ihm unmöglich ist, sich von der Komplexität des Vorhabens loszulösen, sei es aufgrund der Intensität, die ihm beim Schöpfungsprozess abverlangt wird oder sei es wegen des Risikos ins Absurde zu stürzen, wenn er von seinem Vorhaben abließe. Deshalb sind die Kunstwerke, die der Autor aus diesem Geflecht hervorbringt, eine Form, immer und immer wieder der Sinnlosigkeit zu entschlüpfen und genau deswegen von Inkohärenz geprägt. Dabei zieht der Künstler die schnellen Lösungen den langwierigen Fragestellungen vor (so wie im Krieg, im Theater oder in der Liebe) und wandelt das, was nicht notwendig ist, in etwas Glaubwürdiges um, so wie es die Titel seiner Schöpfungen verraten, die fast immer den Verdacht in Logik übersetzen, mit anderen Worten: Der Künstler stürzt sich auf Gedeih und Verderben ins Abenteuer, was der Geschwindigkeit geschuldet ist, mit der er diese perplexe Situation zu handhaben hat.

3. Der fortwährende Umgang mit den Dingen, die auf den ersten Blick als nicht notwendig erscheinen (wie das Spiel, die Fröhlichkeit oder das Fest) ist der Nährboden dafür, dass jeder Schöpfungsprozess jederzeit wieder von Neuem, am Nullpunkt begonnen werden kann, so als hätte es alles, was vorher war, niemals gegeben bzw. als wäre all dies ein Irrtum gewesen; und es verhält sich so, dass diese Tugend, sich ins offene Grab zu stürzen - eine Wesensart der Waisen und Bettler - als Ergebnis eine essentielle oder völlig unerwartete Unhöflichkeit zutage treten lässt, mit nicht immer angenehmen Folgeerscheinungen für das Umfeld, weil das Kunstwerk vom Komischen ins Tragische umschwenkt oder vom Konformismus in den Ungehorsam fällt, ohne jegliche Rücksichtnahme und ohne nachvollziehbare Regeln.

4. Ganz abgesehen davon, dass das in-die-Welt-treten dieser komischen oder tragischen, konventionellen oder ungehorsamen Bilder (wie Figuren, die am Rande der Existenz stehen) etwas vom Publikum - wir alle – hoch Gefeiertes ist, weil wir so an den Zirkus, die Extravaganz und die Kosmetik gewöhnt sind. Und genau auf der Rückseite dieser drei notwendigen Ungereimtheiten finden wir das präziseste Bild vieler anderer Kategorien dessen, was die Kunst heute sein kann:

A) mehr als eine anmutige Pirouette im Zirkus scheinen der Künstler und seine Kunst in den Ausstellungen mehr als alles andere einen „unerhörten Vorschlag“ definieren zu wollen und nicht nur einen unterhaltsamen Zeitvertreib
B) darüber hinaus, mehr als ein extravagantes und selbstverherrlichendes Verlangen scheinen die Kunstwerke dem Gesang an die „absolute Freiheit des Urteils“ Nahrung sein zu wollen und
C) schlussendlich mehr als ein ornamentales Make-up, scheinen sie eine sehr ernste „utopische Repräsentation“ anzubieten, ein paradieshaftes Vorhaben in jeder ihrer Erscheinungsformen.

5. Das soll heißen, dass die allgemeine Übereinstimmung, das große Vorhaben der Verbindung und Verflechtung, die die Kunst vollbringt, zur Aufgabe hat, beide Enden miteinander zu verknüpfen und sie damit unabdingbar zu machen, so dass sich die Gegenpole, derartig miteinander verbunden und verschmolzen, in sich ergänzende Werte verwandeln. Im gleichen Gewebe des künstlerischen Bildes, in seinem empfindsamen Urgrund, finden sich die hervorragende Tugend des kommerziellen Austausches und die soziologische Diagnose der kollektiven Wünsche... Dies alles lässt vermuten, dass heute in den beiden Polen gleichzeitig der Inhalt der Kunst enthalten liegt. Wollen wir damit sagen, dass Kommerz und Diagnose im symbolischen Handeln miteinander verbunden sind? In der Tat, diese Behauptung stellen wir auf.

6. In drei vorher genannten Möglichkeiten A, B und C wurden die jeweils ästhetischen Kehrseiten genannt: denn es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das, was sich als „unerhört“ präsentiert, nur eine der Seiten des Glamours ist; auch dass das energiegeladene und freie Urteil der Kritik nur als Autarkie und Solipsismus in Szene gesetzt werden und schließlich der Traum der transformatorischen Utopie mit einer flüchtigen, die Sinne blendenden Vision verwechselt wird. Diese bipolaren Spannungen könnten der Grund dafür sein, dass die künstlerischen Schöpfungen in der Vergangenheit von einem rigorosen Gleichgewicht, einer Art zu denken, einer geistigen Verpflichtung zwischen Unruhe und Aufmerksamkeit geprägt waren, um gefühlsmäßig beide Welten gleichzeitig aufnehmen zu können. Die rohe und die zarte Welt. Die eine ist der Spiegel der anderen.

7. Es kommt auch vor, dass diese großzügigen wiedervereinigenden Übungen, diese unterschiedlichen intelligenten Gleichgewichte mit immer weniger Muskelkraft hergestellt werden. Aufgrund des gegenwärtigen Prestiges der reinen infografischen Visualität, die das Foto dem Körper und die Leinwand dem Ding vorzieht, konzentriert sich in der heutigen Zeit die gesamte Kraft auf den Blick; und der Künstler kann endlich die materielle Herstellung dessen, was ihm sein empfindsames Denken gebietet, in die Hände von guten professionellen Handwerkern legen und sich selbst ausschließlich um die Verbindung zwischen den Dingen, der Korrespondenz und dem Gefüge der Verkettung und der Konkordanz kümmern, d.h. dem Symbol, dem vorrangigen Objekt der Hingabe des Künstlers... und sich damit beschäftigen, die Fransen der Realität, die noch nicht existieren und die noch nicht einmal im Bewusstsein vorhanden sind, miteinander korrespondieren zu lassen; ebenso wie sich mit dem Gegenteil auseinander zu setzen, das heißt, zu vermelden, was kaputt oder schlecht verbunden ist, um durch das Anzeigen dessen, was ausgerenkt ist, die Welt in ein Existenzfeld voller Überraschungen zu verwandeln, das vielleicht eines Tages auch bewohnbar sein wird.

Folgesatz eins: Falle und Nachsatz

In allem, was vorher geschrieben wurde, liegt eine Falle: diese sieben Gemälde wurden nicht gemalt, indem die Begriffe, die vorher versprochen wurden, miteinander verwoben worden wären, sondern sie wurden, nachdem sie benannt waren, ineinander verkeilt, um sie gemäß dem vorher festgelegten Programm zu maskieren. Könnte man daher mutmaßen, dass es in der Kunst keinen Entwurf gibt, sondern nur einen Sprung kopfüber ins Wasser? Genau so ist es. Jegliche Programmatik in der Kunst ist eine Schinderei a posteriori, getarnt durch den Mantel der kausalen Vernunft.

Folgesatz zwei: Übergang und Fluss

Dieser Text wurde vollständig und mit Fleiß in einem Flur verfasst, einem unbequemen und zugigen Ort, in der Hoffnung, dass die Umgebung dem dichten und wandelhaften Inhalt dienlich sein könnte. Aber, ist es notwendig, die Aufführungssituation des Pults mit den Inhalten, die auf seiner Schreibfläche verfasst werden, in Einklang zu bringen? Auf Grund welchen seltsamen Grundes macht sich das Bühnenbild das Drehbuch Untertan? Oder die Hülle das Eingehüllte? Ist es nicht über Gebühr anmaßend, dass die Umstände um das Kunstwerk herum auch Kunst sind? Man könnte folgendermaßen darauf antworten. Da die Kunst nicht zwischen Anschein und Erscheinung, zwischen Schmuckwerk und Kern unterscheiden kann, bringt sie eine endlose Kette von überraschenden Betrügereien gegenüber dem objektiven Blick hervor und wird zum Ort der Taschenspielertricks, der Osmose und der Kreuzungen.

Folgesatz drei: Zimmereihandwerk und Realität

Einen Text mit dem Inhalt zu schreiben, wie man ihn geschrieben hat, bedeutet, das Sichtbare auseinander zu nehmen und es ungeschützt dem Unwetter auszusetzen um die Gleichwertigkeit von Vorhaben und Ergebnis zu postulieren und die Dinge mit dem Zustand der Zimmerei in Zusammenhang zu bringen (wie bei Robert Morris: Untiteled. Box for standing). Die schöpferische Arbeit der Kunst bildet dazu aus, die Dinge aus dem Blickwinkel ihrer Entstehung zu betrachten, das Fertige unter dem Schwerpunkt des Prozesses anzuschauen, der dazu geführt hat, dass es nun so zu sehen ist. Dieser Blick schubst die Realität in Richtung „ehe es das war, was es jetzt ist“. Der Umgang mit Kunst führt das Sichtbare an die vorgeburtliche Vernunft heran, indem es das Wie in ein Warum verwandelt, indem das, wie es gemacht wurde als einzige Erklärung bleibt und indem das Kunstwerk sinnlich wahrnehmbar dem Blick ausgesetzt wird, verwandelt es sich in ein grammatikalisches Gerundium.

Folgesatz vier: Verstörung und Repräsentation

Die treue Konkordanz zwischen dem Antlitz und der Zeichnung des Antlitzes war der weise Kunstgriff der klassischen Kunst. Im Gegensatz dazu ist heute das Wünschenswerte die Durchlässigkeit des Bildes, damit das Antlitz heraustreten kann, damit es sich selbst repräsentieren kann unter dem Vorwand der Kunst. Frage: Repräsentiert die Kunst die Dinge der Welt oder ist es eher so, dass die Dinge der Welt über die Kunst und alle anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen gefiltert werden? Ist nicht die Kunst, mehr als Verstörung, eher eine Gelegenheit, Prüfung und Chance damit die Dinge überhaupt existieren können? Der Umsturz von Präsenz und Repräsentation löst sich in der schönen künstlerischen Spannung zwischen dem Möglichen und dem Offensichtlichen, dem Ausdruck und dem Antlitz, die unverständlicherweise das Gleiche sind.

Folgesatz fünf: Das Konkrete und die Maske

Wenn die Kunst nicht ohne konkrete Begrifflichkeiten zu denken in der Lage ist, Hund, Plakat, Farbe, Galerie, Aktion, gibt es nur die eine Möglichkeit, jedwede logische Abstraktion auf diesen Hund, dieses Plakat, diese Farbe, diese Galerie, diese Zeichnung hinzuführen. Diese einzelnen Dinge zu denken / zu fühlen und sich vorzustellen / zu überlegen, welchen universellen Sinn sie haben könnten, heißt, gleichermaßen Akteur und Betrachter zu sein. Wir könnten es auch so formulieren: Wenn wir in das Atelier gehen, legen wir den Mantel des Fremdlings draußen vor der Tür ab und verwandeln uns in einen vollkommen unverantwortlichen Handelnden. Danach gehen wir wieder hinaus. Beim erneuten Betreten des Ateliers aber haben wir unseren Mantel wieder an und betrachten das, was sich ereignet hat, als ob es gleichsam eine andere Person gewesen war, die dort im Atelier gearbeitet hat.

Bibliographische Angaben:
Juan Fernando de Laiglesia: "arte: (ART-icular)"
in: de Laiglesia González de Peredo, Juan Feranando et al (Hrsg.).
arte: DICCIONARIO ILUSTRADO
.
Vigo: Universidad de Vigo 2012, 176-179.
Übersetzung: Antonia Kienberger

Details: http://publicacions.uvigo.es

Inhaltsverzeichnis und Autoren: http://publicacions.uvigo.es/documentos/xndice_arte.pdf


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