Exklusivinterview mit Christl Baur, Ars Electronica Festival


Wie kam es zur Idee für das neue Format einer Kunstmesse erstmals auf dem Ars Electonica Festival 2017?

Der „Gallery Space“ im Rahmen des Ars Electronica Festivals 2017 in der PostCity war der Start unser Initiative, die Medienkunst und den Kunstmarkt auf eine konstruktive Art zusammenzuführen und ein Collectors Programme anzubieten. Auch für uns war diese Art von „Art Market“ eine ganz neue Thematik. Bereits im Oktober 2016 fand unter der Federführung von Christa Sommerer, Professorin and der Kunstuniversität Linz, Studiengang ,interface cultures‘, im Lentos Kunstmuseum Linz erstmals ein Symposium statt, um über Medienkunst im Kontext des Kunstmarktes zu diskutieren. Der zweite Teil dieses Symposiums fand während dem Festival ebenfalls in der PostCity statt.

Es gibt interessante neue Strömungen und Möglicheiten, wie etwa Online-Galerien oder auch erfolgreiche Online-Auktionen. Auch die Meinungs- und Wertbildung im Kunstmarkt erfolgt zunehmend über Online-Magazine und nicht mehr ausschließlich über gedruckte Hochglanzbroschüren und Magazine. Durch Big-Data-Analysen werden Rankings von KünstlerInnen erstellt wodurch sich nicht nur die Wert- und Meinungsbildung im Kunstmarkt verändert, sondern auch die Verwertung.

Gleichzeitig interessieren sich Galerien und SammlerInnen immer stärker für Medienkunst was auch damit zu tun hat, dass mittlerweile klar ist, dass die künstlerische Arbeit, die aus einer digitalen Welt entsteht oder die digitale Welt reflektiert, ein entscheidender Teil unserer zeitgenössischen Kunst geworden ist und eine Trennung zwischen Medienkunst und zeitgenössischer Kunst daher obsolet geworden ist. Abgesehen von Galerien, beschäftigt sich auch eine immer größer werdende Anzahl von SammlerInnen mit Medienkunst und vergessen langsam ihre Skepsis. Nicht zuletzt möchte natürlich ebenfalls eine junge Generation von MedienkünstlerInnen zunehmend mit dem Kunstmarkt Verbindung aufnehmen.

Aufgrund der hohen Anziehungskraft auf sehr unterschiedliches Publikum, sei es die Linzer Bevölkerung aus dem Umfeld oder internationale Kuratoren oder Kunstschaffende, eignet sich das Festival ausgezeichnet, um dieses Format weiter zu diskutieren. Der Diskussionsbedarf besteht und gleichzeitig lässt sich über das Festival eine größere Zielgruppe mit einbeziehen, v.a. auch die Künstler, die direkt involviert sind in diese Diskussion bzw. die sich in ihren Arbeiten damit auseinandersetzen müssen.

Wer waren die federführenden Köpfe für den neuen Programmpunkt „Gallery Spaces“?

Diese Initiative, die von einer Gruppe internationaler Experten wie Bozars Medienkunstkurator Christophe de Jaeger, Rosina Gomez Baeza (langjährige Direktorin von LABoral), der renommierten Medienkünstlerin Prof. Christa Sommerer und Ars Electronica Direktor Gerfried Stocker getragen wird, soll eine Plattform für die Begegnung und den Austausch zwischen Kunstmarkt und Medienkünstlern bieten. Damit verbunden ist auch die Gluon-Initiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, einen neuen Zugang zu Kunst und Wissenschaft zu etablieren, indem sie interessierte Künstler, Wissenschaftler und Sammler für eine neue Art der Zusammenarbeit an dieser Schnittstelle zusammenbringt. Ausgewählte Künstler werden Wissenschaftlern aus verschiedenen Bereichen vorgestellt und können einen Wissenschaftler als "Scientist-in-Residence" im Atelier des Künstlers auswählen. Sammler haben die Möglichkeit, Gönner dieser Residenz zu werden und diese zu finanzieren und die Produktion eines neuen Projektes zu finanzieren. Die Gluon-Initiative ist eine Kooperation zwischen Ars Electronica, der Serpentine Gallery und Bozar.

Neben der Ausstellung, den Gallery Spaces, in denen international renommierte Galerien wie Galerie Charlot (Paris/Tel Aviv-Jaffa), Galerie Anita Beckers (Frankfurt) und Steve Fletcher mit seiner in Linz gelaunchten Agentur ‚The Artists Development Agency‘ Künstler und deren Arbeiten präsentiert haben fand ein Symposium mit Konferenzen und Round Tables statt, zu diesen internationale Protagonisten wie Hans Ulrich Obrist, Paul Dujardin und Christophe de Jaeger sowie herausragende Künstler wie Manthia Diawara, Rachel Rose oder Damian Ortega nach Linz eingeladen wurden.

Warum ist dieses neue Angebot so wichtig für das Festival Ars Electronica?

Da es mittlerweile offensichtlich ist, dass die Digitalisierung vor keinem Bereich unseres Lebens oder der Wirtschaft Halt macht, verändert sich natürlich auch der Kunstmarkt. Wir möchten die unterschiedlichen Akteure zusammenbringen und ihnen eine Plattform bieten, wo die wichtigen Themen diskutiert und besprochen werden können., Uns ist es wichtig, dass alle Protagonisten des Kunstmarktes vertreten sind: Künstler, Galerien, Kulturinstitutionen, Künstleragenturen wie z. B. die von Steve Fletcher, junge Künstler dabei unterstützt einen Zugang zu Galerien und dem Kunstmarkt zu erhalten, sowie Start-Ups wie niio, die digitale Vertriebsmöglichkeiten anbieten und so das Thema der Erhaltung und dem Zugang zu Medienkunst adressieren. Es soll ein Diskussionsformat geschaffen werden, dass zum gegenseitiges Kennenlernen und zu einer Austausch zwischen den Beteiligten führt und neue Ansätze zu bekannten Problematiken gefunden werden können.

Wie war das Feedback auf die Eröffnungsvorträge?

Natürlich eignet sich ein einstündiger Talk, in den mehrere Personen involviert sind nicht direkt, darüber zu diskutieren, welches Format nun wirklich Sinn macht oder welches man mit in die Zukunft nehmen möchte, sondern es werden einzelne Positionen zu präsentieren. Um gemeinsame Parameter z.B. hinsichtlich einer Lösung der Problematik der Konservierung von Medienkunst zu schaffen, müssen die unterschiedlichen Akteure an einen gebracht werden um in längeren Gesprächen nach übereinstimmenden Lösungen zu suchen. Doch auch wenn es hier noch keine Ergebnisse gibt ist es uns wichtig, diesen Prozess anzustoßen und eine Situation zu schaffen in der unterschiedliche Teilnehmer sich kennenlernen und vernetzten können um in weiteren Gesprächen, über dieses Format hinaus, die Ideenfindung weiterzuführen und zukunftsträchtige Modelle zu entwickeln.

Wie erfolgreich konnten sich die Akteure während des Festivals miteinander vernetzen?

Innerhalb der Ausstellungsräume und diskursiven Formate gab es vielfältige Möglichkeiten sich auszutauschen und kennenzulernen. Zusätzlich wurde ein Collectors Programme angeboten, ein speziell organisiertes Programm mit Führungen, Vorträgen und Empfängen, welches auch in diesem Jahr wieder stattfinden und weiter ausgebaut wird.

Wie war die Resonanz der Besucher?

Um eine Zahl zu nennen, es haben 2017 über 100.000 Besucher innerhalb von 5 Tagen das Festival besucht. Durch die Einbettung des Gallery Spaces auf der räumlichen Ebene der Themenausstellung war hier eine Trennung nicht auf den ersten Blick ersichtlich, außer in der räumlichen Gestaltung und Architektur der Räume. Diese Verknüpfung hat ein sehr positives Echo hervorgerufen, da der sonst übliche Messencharakter nicht vorhanden war und Regelwerk des Messebetriebes außer Kraft gesetzt waren. Auch hat sich ein reger Austausch mit den Besuchern und anderen Akteuren des Festivals ergeben, die nicht zwangsläufig sonst auf Kunstmessen unterwegs sind. Insgesamt war das Setting und die Verortung der Räumlichkeiten ein großer Erfolg und sind auf sehr positive Resonanz von allen Beteiligen gestoßen.

Wird das Ars Electronica Festival nun auch zu einem Ort für eine Medienkunstmesse?

Nein, wir haben nie den Anspruch oder Ziel gehabt, dass der Gallery Space eine eigenständig Messe wird. Unsere Initiative wird auch weiterhin im Rahmen der Aktivitäten des Festivals stattfinden und somit ein Teil davon sein. Die Interaktion der Teilnehmer steht bei uns im Vordergrund und nicht das finanzielle Interesse.

Der „Gallery Space“ unterscheidet sich ja sehr von herkömmlichen Präsentationsformen auf Kunstmessen? Wie kam die Ausstellungsarchitektur an?

Auch international gibt es einige Galerien die wieder weg von dem White Cube als einzige Präsentationsmöglichkeit gehen und sie ziehen in leerstehende Fabrikhallen. Auch bei uns wurde dieses spannende Setting der Gallery Spaces einerseits innerhalb des Paketspeichers des ehemaligen Postverteilerzentrums und andererseits in einem ehemaligen Dokumentenlager der Finanzbörde, als sehr spannend empfunden. Diese spektakulären Räumlichkeiten wurden durch eine dezente Architektur von weißen Wänden hervorgehoben, auf denen die Kunstwerke vor einem neutralen Hintergrund, innerhalb eines faszinierenden Raumes präsentiert wurden. Bewusst haben wir auf Seitenwände verzichtet um die Blickachsen nicht zu stören und den Raum von mehreren Ebenen begehbar gemacht, z.B. auf den Förderbändern.

Nach welchen Kriterien wurden die Galerien ausgewählt?

Der „Gallery Space“ war ein erster Versuch, die zwei Welten von Ars Electronica und dem Kunstmarkt zu verknüpfen. Wir haben die Galeristen, die in Linz präsentiert wurden, alle persönlich eingeladen, ohne Bewerbungs- und kein Selektionsverfahren. Viele Galerien, die sich bereits seit vielen Jahren mit der Kunst des bewegten Bildes, sowie Kunstformen beschäftigen, die sich an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft befinden, waren bei uns vertreten.
Es war uns auch ganz wichtig, dass sich die Galeristen nicht nur im Gallery Space aufhalten oder sich den ein oder anderen Talk anhören, sondern dass sie auch vom allgemeinen Programm des Festivals und von den Vernetzungsmöglichkeiten profitieren. Und das wurde auch sehr gut angenommen, dass es eben nicht nur um einen Kunstmarkt geht, sondern um die Einbettung dieses Teils in das Ganze.

Gibt es diesen Programmpunkt auf dem Festival in Zukunft erneut?

Ja, wir haben uns aufgrund des sehr positiven Feedbacks entschieden, auch 2018 wieder einen Gallery Space beim Festival, vom 6-10. September in Linz zu präsentieren. Wir sehen von allen Seiten sehr großes Interesse, sich gegenseitig auszutauschen und einander besser kennenzulernen und wir möchten auch in den nächsten Jahren diese unterschiedlichen Welten zusammenführen. Wie jedes Format benötigt auch dieses seine Zeit um sich zu etablieren und auf das Interesse der größeren Masse innerhalb des Kunstmarktes zu stoßen und es ist auf jeden Fall in unserem Interesse dieses Format weiterzutragen.

Welche Ziele streben Sie mit dem „Gallery Space“ an?

Wir möchten ein alternativer Raum für Akteure des Kunstmarktes sein, in dem monetäre Interessen nicht den Vorrang haben, sondern der Austausch und die Vernetzung. Unser primäres Interesse liegt also nicht in den Zahlen der verkauften Arbeiten, sondern darin, Künstlern den Weg zu erleichtern, mit ihrem Schaffen ihr (Über)Leben sichern zu können. Wir wollen einen Ort schaffen, an dem sich Galerien, Sammler und Künstler vernetzen können und dadurch einen kleinen Beitrag leisten um eine Entwicklung voranzutreiben und es freut uns wenn uns Menschen besuchen, die uns bisher nicht auf ihrem Radar hatten.

Wie war die Reaktion der Medien auf dies neue Kunst-Format?

Unser Ziel ist erreicht, wenn wir den Ansatz für Diskursebene geschafft haben und wenn dies über das Jahr hindurch aufrecht erhalten werden kann. Ich will damit nicht sagen, dass wir alleine den Anstoß gegeben haben, denn Anstöße gibt es seit 10 Jahren immer wieder, aber dass wieder ein neuer Impuls hinzukam, ist sicherlich hilfreich Und hoffentlich sehen auch Künstler außerhalb des klassischen Marktes hier die Möglichkeit einer Erwerbsquelle ohne ihre künstlerische Praxis zu ändern oder and die momentanen Bedürfnisse des Marktes anzupassen.

Über Christl Baur

Christl Baur

Christl Baur ist Forscherin und Kulturproduzentin mit interdisziplinärem Hintergrund in Kunstgeschichte, Kulturmanagement und Naturwissenschaften. Sie arbeitet seit 2016 mit Ars Electronica zusammen. Sie interessiert sich besonders für die Verbindung von ästhetischen und sozialen Praktiken, die sich um Kollaboration und Experimentieren drehen und soziale, politische und wirtschaftliche Handlungsmuster herausfordern.

Ihr Forschungsgebiet umfasst Themen wie Videokunst, Neue Medientechnologien, Computer, Biotechnologie und Interaktive Kunst und sie arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft.

Im Laufe des letzten Jahres hat sie umfangreiche Ausstellungen und Performances, Forschungs-, Residenz- und Publikationsprojekte entwickelt, co-produziert und realisiert – zuletzt in Kooperation mit Universitäten und wissenschaftlichen Verbänden wie Google Arts & Culture, Microsoft, der Linzer Kunstuniversität wie auch der Universität von Tsukuba. Sie arbeitet eng mit KünstlerInnen zusammen, deren Praxis an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technologie liegt.

Fotonachweis:
Christl Baur: By courtesy of Christl Baur
Medienkunst im Gallery Art Space 2017. Foto: Antonia Kienberger


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